Im Zauberkreis der Nacht


Bericht von Marita Kasischke, Heidenheimer Zeitung vom 27.11.2014 10:00 Uhr


Arche Dischingen: leise Töne mit Marianne Sägebrecht, Josef Brustmann und Andi Arnold


„Sterbelieder für das Leben“ waren in der Dischinger Arche zu hören. Vortragende waren Marianna Sägebrecht sowie (von links) Josef Brustmann und Andi Arnold.
„Sterbelieder für das Leben“ waren in der Dischinger Arche zu hören. Vortragende waren Marianna Sägebrecht sowie (von links) Josef Brustmann und Andi Arnold.

Die dichten grauen Nebelschwaden, die das Woher und Wohin nicht mehr erkennen ließen, bildeten den stimmigen Rahmen für das Programm, das am Sonntag in der Arche Dischingen anstand.

Josef Brustmann und Marianne Sägebrecht waren zu Gast, und mitgebracht hatten sie „Sterbelieder für das Leben“.

Auf der kleinen Arche-Bühne, auf der sonst Pointen für Pointen abgefeuert werden, machten sich damit leise Töne breit. Und ganz behutsam, gefühlvoll und doch ohne Pathos widmeten sich die Akteure dem Thema, das für alle stets rätselhaft in Nebel verhüllt ist: dem Sterben und dem Tod.

Und für alle Zuhörer, die Arche war ausverkauft, lüfteten sie den Nebelschleier, hinter dem ganz unterschiedliche  Betrachtungsweisen zum Vorschein kamen. Bertolt Brechts Aufruf etwa, das „Leben zu schlürfen“ in „Lasst Euch nicht verführen“, denn es gebe keine Wiederkehr, standen gänzlich konträr Khalil Gibran mit seinem Wort von der Seele gegenüber, die gleich dem Samen bleibe. Und dazwischen schob sich Kästners differenzierte Betrach­tung „Nichts bleibt und alles ist von Dauer“.

Marianne Sägebrecht las diese Lyrik mit ihrer hellen Stimme und legte damit in jede Deutung jenen Schimmer Hoffnung, der den Ge­danken an den Tod friedlich macht. Sie gab der Seele Schwin­gen, die in Hesses Gedicht in freien Flügen durch den Zauberkreis der Nacht schwebt, und in eben diesen Zauberkreis der Nacht fühlte sich auch das Publikum eingehüllt, weich und geborgen, und genoss die Ruhe und Stille, die von Wort und Klang ausging.

Der Gesang der Lieder oblag Josef Brustmann, und er hatte dazu Lieder ausgewählt, die aufhorchen ließen. „Wenn ich tot bin, singt mir ein schönes Lied“, hieß es da etwa, oder „Der Mensch, wenn er fortgeht, dann kommt er nicht mehr“, und das ging unter die Haut – vielleicht gerade deswegen, weil er auf Sentimentalität vollkommen  verzichtete  und ebenfalls ganz auf Wort und Klang und schlichte Eindringlichkeit setzte.

Brustmann begleitete sich selbst, mal am Klavier, mal an der Zither, und der Dritte im Bunde war Andi Arnold, der den Worten und Weisen sanfte Klarinetten-und Querflötentöne unterlegte.

Gerade wenn sich Zither und Klarinette zum Duett trafen, dann war es, als hätte der Himmel die Erde still geküsst, ganz so, wie in Joseph von Eichendorffs „Mondnacht“ (die Brustmann ebenfalls sang) beschrieben.

„Der Mensch ist ein Vieh, das ohne Gepäck nicht auskommt“, mit diesem Text wandte sich Brustmann schließlich vom Tod zum Leben hin und damit gleichsam zum Nachdenken über das, wie die Zeit vor dem Tod verbracht wird, ein Appell zu mehr Achtsamkeit, der nicht ohne Wirkung im Publikum-blieb.

Diesen Effekt intensivierte er mit seinem Text über den Selbstmord von Hans Wurst, dem von Joker über Harlekin bis zum dummen August sämtliche Clowns nachfolgten, so dass das, Lachen aus der Welt verschwunden war, und letztlich nur noch eines lacht: das Geld.

Wenn auch an dieser und an deren  Stellen durchaus geschmunzelt wurde, so war es doch ein Abend, der weder durch Lachen noch durch Weinen gekennzeichnet war. Vielmehr war das Publikum nach diesem Abend durchaus frohen Mutes und voller Lebensfreude – die Sterbelieder waren damit tatsächlich in erster Linie Fürsprache für das Leben.