„Ich habe einen Pansen“


Bericht von Manfred Allenhöfer/Heidenheimer Zeitung vom 09.01.2013 09:38 Uhr


„Faszination Allgäu“: Maxi Schafroths heimatliebendes und -kritisches Kabarett in der ARCHE


Zwei Allgäuer, stilecht im karierten Hemd: Der einstige „Bauernbub“ Maxi Schafroth (rechts) war mit seinem Musikerfreund und Nachbarsjungen Markus Schalk in die Dischinger ARCHE gekommen, um die rustikale „Faszination Allgäu“ zu demonstrieren.
Zwei Allgäuer, stilecht im karierten Hemd: Der einstige „Bauernbub“ Maxi Schafroth (rechts) war mit seinem Musikerfreund und Nachbarsjungen Markus Schalk in die Dischinger ARCHE gekommen, um die rustikale „Faszination Allgäu“ zu demonstrieren.

Ja, es gibt noch junge Künstler, die völlig unabgehoben bodenständig sind – mehr noch: die diese Boden­ständigkeit sogar zum Programm machen, das dennoch oder vielleicht gerade deshalb flott und modern sowie absolut untümlich und undümmlich ist. Die ihren Dialekt pflegen, ihre karge Kindheit öffentlich auf der Bühne verarbeiten und dabei ihren heimischen Landstrich ebenso liebevoll wie kritisch als herb und weiß Gott (der verbal oft bemüht wird) selten philanthropisch charakterisieren.

„Faszination Allgäu“ nennt Maxi Schafroth sein Programm, mit dem er seit 2009 schon erfolgreich ist und jetzt in der länger schon ausverkauften ARCHE gastierte.

Eine hörbar angeschlagene Gastgeberin begrüßte das Publikum und fragte neugierig ab, wie viele Besucher das erste Mal in die ARCHE gekommen waren – ein nicht unbeträchtlicher Anteil, wie sich herausstellte. Auch einige Autonummern aus der bayerischen Nachbarschaft fanden sich auf den Parkplätzen ringsum.

Der 27-jährige Schafroth stammt aus dem Allgäuer „Stephansried“, wie er bekannte: Einem keine 80 Seelen zählenden Ort, der auch in seinem Programm beständig thematisiert wird. Übrigens stammt auch sein Begleiter, der Gitarrist Markus Schalk, von ebenda – sogar vom Nachbarhaus. Ob sie miteinander verwandt sind? Das sei in einem so kleinen Ort durchaus möglich – man wisse es nicht, meinte der auch als Schauspieler („Tatort“) durchaus erfolgreiche Schafroth.

Dabei ist schauspielerische Differenziertheit nicht die große Stärke des Kabarettisten: Seine Mimik gerät ihm eher ein wenig holzschnittartig. Und er hat es sich auch angewöhnt, immer wieder seinen eigenen (oft scheinbar beiläufig daherkommenden) Spitzen und Pointen ein bisschen anbiedernd hinterherzulachen.

Aber das tut seinem Erfolg beim Publikum, den man fast schon als durchschlagend bezeichnen kann, keinen Abbruch. Schafroth spricht seine Zuhörer unmittelbar an. Er bewegt mit seinen Geschichten und Beobachtungen Gemüter wie Lachmuskeln – und sogar, in zwei Chören, das Publikum dazu, gemeinschaftlich zu „allgäuern“ oder gar zu „muhen“. Damit persifliert er das notorisch um sich greifende Workshoppen einer zeitgeistflachen Gegenwart in esoterischen oder wirtschaftsmodernen Zirkeln.

Schafroth, der Allgäuer Bauernbub, hat das selber kennengelernt, auch das thematisiert er ausgiebig in „Faszination Allgäu“: Aufgefordert vom Vater, „was Recht’s“ zu lernen, hat er sich gegen den ansonsten ererbbaren Hof ausgesprochen und in eine Banklehre eingewilligt, die er im kulturfernen und (deshalb oder dennoch) lockenden München antrat. Dort beschloss er, Kabarettist zu werden – mit mittlerweile einigem Erfolg.

Immer wieder spießt er die völlig andersartige Welt seiner einstigen Privatbankkollegen „Jörn und Silke“ auf, die ökonomisch und lifestylemäßig so unvergleichlich und deshalb saftig persiflierbar „trendy“ sind.

Schafroth ist, so behauptet er das zumindest, auch in der Millionenstadt der „Bauernbub“ geblieben, der dort letztlich so ungemein produktiv gefremdelt hat.

Schafroth befleißigt sich dabei weitgehend seines oft auch ziemlich derb daherkommenden Dialekts (etwa in seinem „Sakerment“-Fluchlied). Und wo er, zur Beschreibung seiner großstädtischen Gegenwelt, das Hochdeutsche anstimmt, bemüht er sich nicht wirklich um puristische Reinheit.

„Sie glauben gar nicht, wie ich manchmal wie an eine Wand ‚ranschwätz‘, wenn ich etwa in Düssel­dorf auftret’“, meinte der bekennende Allgäuer einmal. Freilich:

Wie verständlich und nachvollziehbar seine Intentionen sind, beweist die Aussage einer zufällig im Dischinger Publikum sitzenden „echten“ Düsseldorferin, die sich sogar noch als „Gattin eines Bankers“ zu erkennen gab: „Ich bekomme das im Wesentlichen ganz gut mit“, meinte sie in der Pause.

Offensichtlich also auch die „sehr komprimierten verbalen Datenpakete“, mit denen Schafroths bäuerlicher Vater fast schon archaisch  kommuniziert.  Wie sprachsparend die Allgäuer Urbevölkerung lebt, machte er mehrfach deutlich, beispielhaft bei seiner „Stammtisch“-Paraphrase, bei der er androht, bis zu zweieinhalb Stunden wortlos verharren zu können – es sei denn, was prompt geschah, dass irgendwer den Begriff „Milchpreis“ einwirft. Solcherlei Sprachkargheit kann man ja auf der Alb bestens nachvollziehen. Das schweigestarke Standby des Stammtischs blieb dem Publikum so jedenfalls erspart.

Die pädagogische Intention der weltanschaulich unverkrampft upgedateten und durchaus kunstvollen „Faszination Allgäu“: Schafroth (der in einer Münchner C-Klasse aufs Härtsfeld gekommen war – mit jenem Modell also, das in bevorzugt wenig verschmutzendem Grün oder Braun auch im Allgäu hochgeschätzt sei, bis zum km-Stand 999 999 und darüber hinaus) will „bei Ihnen ein ländliches Wertesystem implementieren“ – so outete er seine kabarettistische „Agenda“.

Er verwendet dazu Versatzstücke oder, liebevoller formuliert: Erfahrungen seiner bäuerlichen Kindheit: „Ich muss meine Jugend ein Stück weit verarbeiten“, bekennt er einmal, doch er überrührt Autobiografisches ins kunstvoll Exemplarische. Er erzählt, büh­nenwirksam aufgefrischt, viele Be­gebenheiten auf dem Bauernhof („Nit luega – schaffa“, wie der Vater, kein Wort verschwendend, seinen Lehrling „coacht“) oder aus der Schule. So verlas er einen wohl originalen Aufsatz, den er auf ’96 datierte und der mit „Heute haben wir siliert“ beginnt.

Diese scheinbar anachronistische Welt, das macht er ausgesprochen unterhaltsam deutlich, hat ihre „eigene Energy“ und ihren „eigenen Spirit“. Den will er vermitteln, was ihm auch hinreißend gelingt. Deshalb auch ist das Dischinger Publikum gerne bereit, sich versuchsweise „meditativ hineinzuversetzen in einen Rinderkörper“. Der abgerufene „Coaching“-Chorus: „Ich habe einen Pansen“. Schafroths Anerkennung fürs Arche-Auditorium: „Sie sind eine wunderbare Herde“.