Das große Glück in Wurmannsquick


Bericht von Marita Kasischke/Heidenheimer Zeitung vom 09.04.2014 20:30 Uhr


Herrlich überdreht: Constanze Lindner wirbelte über die Bühne der Arche in Dischingen


„Wer ist denn endlich mal ein bisschen lieb zu mir?
„Wer ist denn endlich mal ein bisschen lieb zu mir?“ Die bayerische Komödiantin Constanze Lindner überzeugte in einer Vielzahl komischer Rollen bei ihrem Auftritt in der Dischinger Arche.


Gestanzt wurde am Sonntagabend in der Arche Dischingen: Zu Gast war die bayerische Komödiantin Constanze Lindner.

Der Begriff Komödiantin allerdings reicht gar nicht aus für die Menge an Spiel und Witz und Sang und Klang, die das kleine überdrehte multitalentierte Persönchen da vor bis auf wenige Plätze ausverkauftem Publikum in ihrem Programm „Es wird gestanzt heut‘ Nacht“ da auf die Bühne brachte.

Gestanzt hatte vor allem sie selbst, und zwar ein paar hübsch überzogene Figuren aus dem irrealen Leben, die ordentlich Leben auf die Bühne brachten. Und auch hier ist der Begriff „gestanzt“ unzureichend, so filigran in Gestik und Sprache, so hinreißend blödelnd, mit überbordendem Spaß an der Alberei, aber immer präzise in Pose und Tonfall, wie das Bündel Dynamit mit Namen Lindner von einer Rolle in die nächste sprang. Mit scheinbar russischen Sprichworten und ihrer skurrilen deutschen Bedeu­tung um sich werfend, erschien Victoria Witchbopp aus dem östlichsten Osten des ehemaligen Ostblocks, dem schönen Dorf Pffffrrrisch, wo die Menschen immer sagen, was sie denken, also oft jahrelang nichts.

Als an der wohl berühmtesten russischen Kulturstätte, dem Boy-George-Theater, ausgebildete Künstlerin zog sie alle Register ihres gesanglichen und tänzerischen Könnens mit Liedern wie „Leg Dich hin, Liebling, die Gleise tun nicht weh“. Als schrulliger böser bayerischer Drachen Alte, an erhöhten Hühneraugen gleichermaßen leidend wie an Schwiegertochterintoleranz, verteilte Lindner sowohl selbstge­machte Kuttel-Vanille-Ingwer-Bonbons nach Rezept von Alfons Schuhbeck wie auch bayerische Lebensweisheiten, sofern sie nicht der Altersdemenz zum Opfer fielen. „So kann das laufen, so kann das gehen“ beschied Lindner als ihre eigene Managerin, die, sie einst aus dem öden Kreislauf Mailand – London – Paris herausholte, um die ganz großen Hallen in Nürnberg, Traunstein und  Wurmansquick zu füllen.

Walli Chantalli, die Transe aus dem Musikantenstadel, säuselt, jodelt und stanzit mit blumenbewehrtem Dekollete und Zopfkranz ein schmissiges „Hoit die Mei“, zu Deutsch: sei jetzt ruhig, eine bayerische Ballade über Liebesunlust, die durch das gute Gespräch ersetzt werden kann, wobei sich ein gutes Gespräch unter Partnern dadurch auszeichnet, dass frau es führt. Und über allem schwebt Heidrun, die Metzgersgattin, die die Psychologin entbehrlich machte, weil an ihrer Theke neben Schinkenmischmaschwurst auch immer Party und neuer Lebensmut gereicht wurde. Besser gesagt: Über allem schwebte Heidruns Geist, denn leider stand die Wurststanzmaschine für die teure Heidrun äußerst ungünstig, so dass sie nun aus den Wolken ihr zünftiges „Wurscht“ rufen mag, wenn nicht gar wie in Dischingen ein Herr Zuschauer in Lindners seliger Erinnerung flugs zur Heidrun erklärt wird.

Publikumsliebling aber war Cordula Brödke: Zwei Brillengläser, reichlich viel Zahnspange, noch mehr Naivität und Unbeholfenheit. Ihr verzweifelter Song „Wer ist denn .endlich mal ein bisschen lieb zu mir?“ wie auch ihr einfältiges, aber mit Leiden­schaft dargebotenes Filz-Quiz traf zielgenau ins Zwerchfell der Zuschauer.

Zwischen all diesen Figuren gab es denn auch immer wieder Lindner als Lindner, als die Frau von heute, frisch verlobt mit ihrem Verlobten, dessen Namen sie vergessen hat, und auf Lebzeit den fleischlichen Genüssen zugetan, seit sie mit einer Schultüte aus gehärtetem Rinderdarm ihren Weg zum Ernst des Lebens antrat, der sich einer Frau auch darin äußerst, dass frau offiziell grundsätzlich nur Salat essen darf.

Zum großen Finale vereinte Lindner noch einmal all ihre Damen auf der Bühne: Noch einmal wechselte sie in Windeseile Perücken, Zahnspange, Brillen und sonstige Requisiten, wirbelte zwischen den einzelnen Gesten und Dialekten hin und her, energiegeladen wie zu Beginn des Pro­gramms, das, obwohl sorgsam einstudiert, doch wirkte wie gerade mal erdacht und umgesetzt. Eben frisch gestanzt.