Fünf Rentner, ein Gebiss


Bericht von Heidenheimer Zeitung/Marita Kasischke vom 23.02.2010 18:09 Uhr


Birgit Süß kam, sah und sang nicht nur


Fingerzeige in Dischingen: Birgit Süß in der ARCHE.
Fingerzeige in Dischingen: Birgit Süß in der ARCHE.


Auch in der Fastenzeit darf man dem Appetit auf Süßes hin und wieder nachgeben, dachten sich wohl die Besucher der ARCHE am Sonntag, die den kleinen Raum rasch gefüllt hatten, um sich an „Süß Deluxe“ zu laben. Und die Schöpferin dieses kabarettistischen Programms, Birgit Süß, passte haargenau in die Fastenzeit, servierte sie doch quasi maultaschengleich in verhüllendem Teig aus scheinbar harmlosem Frauengeplapper, eingängigen Melodien und einschmeichelnder Stimme richtig deftiges Kabarettfleisch, das nicht nur in der Fastenzeit ein bisschen im Magen liegen könnte.

Geradezu brillant ist Süß‘ verbale Aufräumorgie, die so harmlos mit dem wohl bekanntesten aller Mütter-Sprüche „Räum’ doch endlich mal auf beginnt und schließlich in der Warnung gipfelt, dieser Aufforderung niemals Folge zu leisten. Picasso beispielsweise wäre schließlich gar nicht zum Malen gekommen, hätte er stattdessen Hausputz betrieben.

Noch viel mehr Wirkung erzielt die Warnung am Beispiel Adolf Hitlers: Der schließlich sei durch die ständige Nörgelei von Mama Hitler geradezu provoziert worden zu einem „Dann aber gründlich“, was später nicht einmal Mama Hitler erfreut hat, wie die köstliche Süß-Version der Potsdamer Konferenz aus den Müttern Stalin, Truman, Churchill und eben auch der „Grömaz“, der größten Mutter aller Zeiten, zeigte.

Und völlig überraschend ließ Süß das Aufräummotiv gegen Ende des Programms noch einmal aufleben in ihrem großartigen Ausblick auf 2035, einer Zeit, in der Rente nicht automatisch mit Geld verknüpft ist und auf eine Matratze und ein Gebiss fünf Rentner kommen.

Doch auch heutigen Themen gab sich die überdies formidabel singende Birgit Süß hin. Der Traummann von heute? Ganz klar, er wohnt noch bei Mutti, dann kann man wenigstens sicher sein, dass die Bettwäsche regelmäßig gewechselt wird sowie auch, dass sie bei den Schäferstündchen immer mal wieder im Zimmer auftaucht, um die Kissen aufzuschütteln und Käseschnittchen oder Hackbraten anzubieten.

Und Birgit Süß ist auch die Hommage an den Sommer zu verdanken, der, während die anderen drei schuften und etwas leisten müssen, einfach nur heiß sein darf, also das „Boxenluder der vier Jahreszeiten“, wie sie so schön schmettert. Die Chansonmelodien dazu liefert Werner Goldbach am Piano, dem damit die Ehre zuteil wurde, das neue gute Klavierstück in der Arche einzuweihen. Er tat dies mit wunderbarer Interpretation der Süß-Kompositionen, aber auch Evergreens wie „La vie en rose“ oder „Diamonds are a girls best friend“, denen Süß freilich mit ihren grandiosen Texten ihren ganz eigenen aufmüpfigen Stempel aufdruckte.

Das Publikum dankte mit haufenweise Szenenapplaus für diesen mit über zwei Stunden Programm auch langen Abend, der, um es mit Birgit Süß‘ Lieblingswort zu sagen, einfach „schö“ war, so „schö“, wie bissiger Hintersinn nur sein kann.